Unwort des Jahres 2003 - Ttervolk

Anlass der Kritik war der Gebrauch dieses Wortes in der umstrittenen Rede des Bundestagsabgeordneten Hohmann. Dieser Begriff ist schon grundstzlich verwerflich, da er jeweils ohne jede Ausnahme ein ganzes Volk fr die Untaten kleinerer oder grerer Ttergruppen verantwortlich macht, also den Vorwurf einer Kollektivschuld erhebt. Die Verbindung dieses Begriffs mit den Juden zumal ist ein aktueller Beleg fr den immer noch wirkenden Antisemitismus. Bereits im religisen, antijudaistischen Ursprung dieser Einstellung wurde das Volk der Juden kollektiv fr den Tod Jesu Christi verantwortlich gemacht und sogar als Gottesmrder gebrandmarkt..



Ausfhrlichere Begrndung der Unwort-Kritik an Homanns Ttervolk-Ausfhrungen

Da die Begrndung einer Unwort-Wahl in den Medien nur verkrzt wiedergegeben werden kann, sollen im folgenden die Grnde fr die Wahl von Ttervolk zum Unwort des Jahres 2003 ausfhrlicher wiedergegeben werden.

1. Die Unwort-Jury kritisiert den Gebrauch des Begriffs Ttervolk (der leider schon seit lngerem im Gebrauch ist, wie zahlreiche Belege vor 2003 belegen) grundstzlich:

Ttervolk enthlt den Vorwurf einer Kollektivschuld, der gegen kein Volk der Erde erhoben werden kann. Gegen das deutsche Volk gewendet schliet dieser Begriff etwa die von den Nazis Verfolgten und die Widerstandskmpfer in diesen Vorwurf geradezu automatisch ein (oder schliet sie aus dem deutschen Volk aus!). Politisch Unverdchtige wie der erste Bundesprsident, Theodor Heu, haben sich mit Recht schon bald nach 1945 gegen die Kollektivschuldthese gewandt. Wie bei kaum einem anderen von uns gewhlten Unwort muss das Wort Ttervolk also generell als verwerflich gelten, von wem auch immer und gegen wen auch immer es ins Feld gefhrt wird.

2. Die Verwendung des Begriffs in der Rede von Martin Hohmann war deswegen Anlass einer aktuellen Kritik, weil diese Rede eine infame Dialektik belegt, deren Ziel nur als antisemitisch bezeichnet werden kann:

Der rhetorische Trick von Hohmann besteht darin, dass er nicht einfach nur den Kollektivvorwurf, die Deutschen seien ein Ttervolk gewesen, zurckweist. Nein, er sucht, um die NS-Verbrechen zu nivellieren, eine Parallele, bei der man ja einmal berlegen knnte (mit raffiniert eingesetztem Konjunktiv), ob auf sie nicht auch der Kollektivvorwurf passt. Und diese Parallele findet er in Verbrechen ausgerechnet von Juden nicht etwa von Roten Khmer, Hutus oder Tutsis! Dass er dann von dieser nicht zufllig eingesetzten, sachlich absurden Parallele wieder abrckt und die Juden von der von ihm selbst erfundenen Unterstellung gndig wieder freispricht, ist die Basis fr die von ihm nahegelegte Schlussfolgerung: Die Deutschen waren auch nicht schlimmer als die Juden.

3. Allein die Erwgung, die Juden knnte man ggf. auch als Ttervolk bezeichnen, fgt sich nahtlos in die Tradition eines antisemitischen, ja sogar schon antijudaischen Kollektivvorwurfs gegen die Juden ein, der schon weit ber ein Jahrtausend alt ist. Am Anfang stand der christliche Vorwurf, die Juden htten Jesus Christus ermordet und seien damit Gottesmrder.

Prof. Dr. Horst Dieter Schlosser