Medieninformation

Unwort des Jahres 1999

und
Unwort des 20. Jahrhunderts

 

Die Unwort-Jury hat neben dem Unwort des Jahres 1999 ein Unwort des 20. Jahrhunderts gewählt.

 

Unwort des Jahres 1999 wurde

Kollateralschaden

.

Als Unwort des 20. Jahrhunderts gilt der Jury

Menschenmaterial

.

 

Kollateralschaden

wurde aus insgesamt 1 063 Vorschlägen von 1 865 Einsenderinnen und Einsendern ausgewählt. Dieser in deutschen Medien nur halb übersetzte Begriff aus der Nato-offiziellen Berichterstattung über den Kosovo-Krieg vernebelte auf doppelte Weise die Tötung vieler Unschuldiger durch Nato-Angriffe.

Kollateralschaden lenkte mit seiner imponierenden Schwerverständlichkeit vom schlimmen Inhalt dieser Benennung ab und verharmloste auch und gerade wenn man den Begriff wörtlich nimmt die militärischen Verbrechen in diesem nicht erklärten Krieg als belanglose Nebensächlichkeit (Nato-Englisch: collateral damage = Randschaden).

Nach Meinung der Jury trieb Kollateralschaden die vielfältigen Versuche auf die Spitze, das Vorgehen auf dem Balkan in ein freundlicheres Licht zu rücken. Dazu gehörte u.a. auch, Bombardements zu Luftschlägen und den Krieg insgesamt zum bloßen Kosovo-Konflikt herunterzuspielen. Dazu passt, dass Vertreibungen zuletzt der Kosovo-Serben als Völkerverschiebung umschrieben werden konnten.

 

Das Unwort des 20. Jahrhunderts Menschenmaterial wurde auf der Grundlage der mehrjährigen Sammlung von Unwort-Vorschlägen und wortgeschichtlichen Untersuchungen gewählt.

Menschenmaterial ist zwar bereits im 19. Jahrhundert aufgekommen und spielt u.a. schon bei Karl Marx (1867) eine Rolle, hat aber im 20. Jahrhundert seine besonders zynische Bedeutung gewonnen, nicht zuletzt als Umschreibung von Menschen, die als Soldaten im I. und II. Weltkrieg verbraucht wurden. Dieser zeiten- und ideologienübergreifende Begriff steht exemplarisch für die weit gediehene Tendenz, Menschen nur noch nach ihrem Materialwert einzuschätzen. Er ist gleichsam der Vater für ebenfalls zynische Begriffe wie Schüler-, Lehrer- oder Spielermaterial, aber auch für Unwörter wie Patienten-, Geburten- und Häftlingsgut. Das Medizinern immer noch geläufige Wort vom Patientengut wurde 1999 durch einen süddeutschen Klinikchef noch unterboten, der Todkranke gar als morbides Patientenmaterial umschrieb.

Dem Ungeist, der solchen Wortschöpfungen zugrundeliegt, entsprechen denn auch zahlreiche andere Materialisierungen des Menschen wie Biorohstoffe, Organgewinnung, weiche Ziele (im Artilleristenjargon), Humankapital und Bodyleasing sowie die Abfallmetaphern Belegschaftsaltlasten, Personalentsorgung und Wohlstandsmüll.

 

Die jüngste Unwort-Suche war die neunte seit 1991. Diesmal haben sich 1

 865 Personen aus allen Bevölkerungsschichten des deutschsprachigen Raums, aber auch aus dem weiteren Ausland, mit 1 063 verschiedenen Vorschlägen beteiligt.

Der diesjährigen Jury gehörten an: die Sprachwissenschaftler Prof.

 Dr. Albrecht Greule (Regensburg), Frau Prof. Dr. Margot Heinemann (Görlitz-Zittau), Prof. Dr. Rudolf Hoberg (Darmstadt) und Prof. Dr. Horst Dieter Schlosser (Frankfurt a. M.) sowie als kooptierte Mitglieder der Intendant des DeutschlandRadio Ernst Elitz und die Redakteurin der Zeitung Die Woche Jutta Voigt.
25.1.2000

Prof. Dr. Horst Dieter Schlosser





Reaktion des Nato-Sprechers
auf das Unwort des Jahres



stern

: Als Nato-Sprecher im Kosovokrieg haben Sie den Begriff des Kollateralschadens geprägt. Gemeint waren zivile Opfer von Nato-Bomben. Der Ausdruck wurde jetzt in Deutschland zum Unwort des Jahres gewählt. Verstehen Sie die Empörung?

Jamie Shea

: Ich bedauere sehr, dass ich diesen Ausdruck benutzt habe. Es ist ein schlimmes Wort. Im Nachhinein sage ich: Ich hätte es auch zum Unwort gewählt. Das war ein militärischer Ausdruck, den ich übernommen habe.

(aus: stern 8/2000, S. 226)